Samstag, 15. September 2012

Der ideale Mann im Burgtheater

Eine brillante Idee von Elfriede Jelinek, Oscar Wildes Gesellschaftskomödie "Ein idealer Gatte" aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart zu transferieren und an bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens anzupassen. Das Ergebnis ist ein sprachliches Feuerwerk, das so viele Wortspiele und Zweideutigkeiten in atemberaubendem Tempo Richtung Publikum schießt, dass ich ständig das Gefühl hatte, eine Pointe nicht zu lange genießen zu dürfen oder gar darüber nachzudenken, weil ich sonst die nächste schon wieder verpasse. Dieses Fest für text-affine Menschen wurde noch dazu von gut gelaunten Schauspielern gefeiert, sodass ich 80 % des Abends wirklich sehr genossen habe. 20 % fand ich entbehrlich, da die Inszenierung besonders im ersten Teil nach der Pause einen Abstecher Richtung Löwingerbühne macht, auf den ich gerne verzichtet hätte. Ich kann die Intention der Regie hier nicht nachvollziehen, denn dieses Stück ist so kurzweilig, intelligent und witzig, dass grimassierende, hysterisch herumspringende Akteure unter seiner Würde sind. Wieso muss im Burgtheater in letzter Zeit bei Komödien immer so auf die Tube gedrückt werden, wenn die feine Klinge des Textes und das gute Pointentiming der Darsteller ohnehin bestens unterhalten?

Freitag, 14. September 2012

Blütenträume in den Kammerspielen

Sieben einsame Herzen versammeln sich bei einem Dating-Seminar für "50 plus Singles". Alle haben bereits eine Menge erlebt, eine Teilnehmerin ist erst 43 Jahre alt und will von den Erfahrungen der "Oldies" profitieren. Soweit der Inhalt der Inszenierung von Michael Gampe. Das Ergebnis ist eine kurzweilige, teilweise auch sehr berührende Bestandsaufnahme von einer Handvoll Menschen, die auch jenseits der 50 noch Lust auf einen Neubeginn haben. Sehr gelungene Besetzung, Marianne Nentwich gelang es im 2. Teil sogar, mit der schonungslosen Schilderung des Alltags mit ihrem an Alzheimer erkrankten Mann, für etwa zehn Minuten totale Stille im Publikum hervorzurufen (was beim Stammpublikum dieses Theaters wirklich eine Kunst ist). Summa summarum: feine Dialoge, die liebevoll und feinfühlig umgesetzt wurden, oftmaliges Schmunzeln und ein Ensemble, das offensichtlich Spaß auf der Bühne hat – ein wirklich schöner Abend.

Mittwoch, 12. September 2012

Alma im Post- und Telegrafenamt

Spät aber doch habe ich mir Paulus Mankers preisgekrönte Inszenierung von Alma Mahler angesehen, war jahrelang nicht sicher, ob diese Theaterform etwas für mich ist. Heuer war ich also erstmals beim Spektakel live dabei. Als nach der Eröffnungsszene im letzten Stock (direkt unterm Dach im Hochsommer ... alle hitzeempfindlichen und kreislaufschwachen Menschen seien an dieser Stelle gewarnt!) alle Darsteller auseinanderstoben, war ich ein wenig überfordert, welcher Menschengruppe ich nun folgen sollte. Geschätzte 150 Menschen wutzeln sich durch die Gänge und versuchen, ganz vorne bei der jeweiligen Szene einen Platz zu finden. Ich, von Haus aus nicht gerade ein Fan von Massenaufläufen, war überfordert und recht bald genervt. Hätte mir gewünscht, zumindest einen Übersichtsplan zu Beginn in die Hand gedrückt zu bekommen. Aber das sind meine persönlichen Befindlichkeiten, denn die Idee an sich ist grandios, die Schauspieler großteils auch, und wenn bei der Beerdigungsszene ein Leichenwagen mitten in der Nacht durch die menschenleere Wipplingerstraße gezogen wird, ist Gänsehaut garantiert. Dass oft und gerne Ereignisse in Almas Biografie sehr lautstark interpretiert werden, ist nicht mein Geschmack, aber sicher der von Herrn Manker, dass viel nackte Haut zur Schau gestellt wird, ebenso. Dass sich in einer Szene aber ein Darsteller vor aller Augen seinen Penis streichelt, ist keine Geschmacksache, sondern Effekthascherei, genauso wie die Schlussszene, in der der Regisseur nicht mehr "Alma", sondern sich selbst inszeniert. Wirklich beeindruckt hat mich die Ausstattung: Hut ab vor jenen Menschen, die mit solcher Liebe zum Detail Küche, Badezimmer, Lazarett usw. eingerichtet und bestückt haben. PERFEKT!

Freitag, 1. Juni 2012

Geschichten aus dem Wienerwald im Akademietheater

Wo soll ich anfangen? Beim Bühnenbild, das mit den vielen alten Möbeln die bedrückende Enge und den Kleingeist der Protagonisten perfekt untermalt hat? Oder mit den Darstellern, die allesamt gezeigt haben, wie man ein Publikum drei Stunden lang fesselt und zu begeistertem Applaus hinreißt? Ich dachte, wer die beiden legendären Verfilmungen aus dem Jahr 1961 und 1979 gesehen hat, wäre mit der Geschichte von Ödön von Horvath durch. Aber weit gefehlt, denn zum Weinen haben mich die beiden Darstellerinnen von Marianne (Johanna Matz/Birgit Doll) nicht gebracht. Birgit Minichmayr ist es aber, wie schon so oft, gelungen … Danke für diesen perfekten Theaterabend!

Donnerstag, 24. Mai 2012

Die schönen Tage von Aranjuez

Mein zweiter Besuch der Wiener Festwochen gilt Luc Bondys Inszenierung eines Peter-Handke-Textes zum Thema Liebe. Obwohl ... ging es hier wirklich um Liebe oder schon wieder mal um Distanz und Egozentrik? Ein Mann und eine Frau treffen sich in einem Garten zu einem Dialog, sie erzählt freimütig über ihre Erfahrungen mit Männern, präsentiert Stück für Stück ihr Innerstes, während er sich ständig in kindische Aktionen und irrelevante Vorträge über die Botanik Spaniens flüchtet. Obwohl sie einander weder körperlich noch geistig näherkommen, lässt er sie nicht gehen und will immer mehr von ihr wissen, auch wenn er eigentlich nichts mit ihren Gedanken anfangen kann. Ein Kammerspiel mit einem sehr komplexen Text und zwei wunderbaren Schauspielern. Dass Dörte Lyssewski und Jens Harzer keine Paarchemie vermitteln, hat die Inszenierung noch glaubhafter werden lassen. Auch wenn sich die Kulturkritik ablehnend geäußert hat, mich hat das Paar, das viel redet, aber nichts voneinander weiß, sehr berührt.

Montag, 21. Mai 2012

Wastwater im Akademietheater

Menschliche Abgründe machen sich immer gut auf der Bühne. Auch Sprachlosigkeit, Unverständnis, Distanz und Angst lassen sich plakativ inszenieren. In Wastwater werden in drei aufeinanderfolgenden Szenen jeweils zwei Menschen in unterschiedlichen Situationen gezeigt: Abschied, Einsamkeit und Gewalt sind der Grundtenor. Trotz hervorragender Schauspieler, allen voran Elisabeth Orth und Thilo Nest, war ich selten bis gar nicht berührt. Vielleicht war genau das gewollt, nämlich Gefühle auf Distanz zu halten. Vielleicht hat mich aber auch das Publikum vor großen Emotionen "bewahrt": Denn wenn rund um dich an eigentlich "grausigen Stellen" gelacht wird, hat Betroffenheit keinen Platz. Ich habe zwar den Humor im Stück nicht erkannt, neige aber auch nicht dazu, "große Gefühle beiseite zu lachen". Anyway, in nachhaltiger Erinnerung, glaube ich, wird mir der Abend nicht bleiben, aber die Reaktionen der Zuschauer fand ich spannend.

Mittwoch, 16. Mai 2012

Groß und klein von Botho Strauß

Cate Blanchett gastiert im Rahmen der Wiener Festwochen mit der The Sydney Theatre Company im Museumsquartier. Auch wer mit Stücken von Botho Strauß eher weniger am Hut hat (so wie ich), ist diese 3-stündige Inszenierung unbedingt zu empfehlen! Denn Cate Blanchett ist eine Urgewalt und hat eine Bühnenpräsenz, die ich bei vielen Filmschauspielern, die auch auf der Bühne tätig sind, oft schmerzlich vermisse. Ihre Interpretation von Lotte, die nach einer Trennung auf der Suche nach Zugehörigkeit ist, beinhaltet alle menschlichen Facetten, die in so einer Situation auftauchen können. Auch wenn einige Szenen des Stücks skurril und überzeichnet wirken, ist ihre Darstellung stets berührend, beklemmend, manchmal komisch und letztendlich tragisch. Auch wenn ich anfangs nicht verstanden habe, warum Lotte ständig zurückgewiesen wird, so wurde doch im Laufe des Abends klar, dass eine Verzweiflung, die sich immer mehr in Anbiederung ausdrückt, nur zu Ausgrenzung führen kann. Besonders für Frauen gibt es in diesem Stück einiges zu entdecken, denn wer kann von sich sagen, dass er im Laufe seines Lebens noch nie versucht hat, anderen nach dem Mund zu reden, sich als Kümmerer zu betätigen oder sich der Harmonie wegen zu verleugnen? Der Preis dafür ist hoch – nicht nur für Lotte …